Die Begegnung mit dem Ich war noch nicht ganz verabschiedet,
da kündigte sich ein weiterer Gast auf dem rosa Sofa an.
Der Tod.
Auf einmal stand er da.
Still.
Ohne ein Wort zu sagen.
Und verschwand.
Während ich zunehmend den Momenten der Gegenwärtigkeit begegne,
schien er auf seinen Moment zu warten.
Fast als würde er vorsichtig prüfen,
ob diesmal jemand hinschaut,
ohne sofort davonzulaufen.
Ich betrachtete diese Bewegung schweigend.
Es bestand keine Veranlassung,
etwas zu tun.
Die Begegnung mit dem Tod war anders:
Er kam näher,
aber berührte mich nie direkt.
Er war da,
aber sprach nie direkt.
Er zeigte-
und ich ließ es zu.
Der Traum
Ich war allein mit dem Auto auf einer dreispurigen Autobahn unterwegs.
Plötzlich drehte sich ein Kastenwagen herum,
so dass er rückwärts im Verkehr weiterfuhr.
Ich betrachtete das Manöver ruhig,
nicht panisch.
Er schlingerte etwas,
bis er die Kontrolle verlor.
Dann sah ich den Zusammenstoß.
Autoteile flogen,
Räder rollten.
Der Verkehr,
der eben noch vor mir herrollte,
kam auf mich zu.
Ich suchte den Warnblinker,
aber fand ihn nicht.
Ich kollidierte.
Filmriss.
Eine kurze Spanne nichts.
Kein Aufprall oder dergleichen.
Doch mein Wagen hatte seine Flugbahn verändert.
Oben war unten.
Das Auto rutschte auf dem Dach
aus der Autobahnszene hinaus.
In einem bewaldeten Stück Natur
kam es zum Stillstand.
Ein Geräusch,
das unnatürlich klang,
ließ mich aufhorchen.
Es klang bedrohlich.
Erstaunlicherweise war ich wach.
Der Kopf funktionierte.
Ich versuchte mich im Raum zu orientieren.
Stellte fest, dass Lage sich verändert hatte.
Ich konnte durch die Wände des Autos schauen.
Erkannte, dass ich mich am Abgrund befand.
Daher das Geräusch-
ein Austarieren von Gewicht
wie ein Pendel.
Bleibt es oben oder rutscht das Auto den Abhang hinunter?
Ich betrachte dies.
Ich habe keine Chance.
Wenn ich abstürze,
zerschellt der Wagen-
dafür geht es zu steil nach unten.
Ich denke darüber nach,
die letzten Gedanken zu denken.
Meine Familie kommt mir in den Sinn.
Dann meine Freundin Stefanie,
die vor einem Jahr wortlos aus meinem Leben verschwand.
Mit meiner Familie fühle ich mich aufgeräumt.
Ich denke an sie.
Da ist das Handy.
Ich öffne Whatsapp und beginne zu sprechen.
Höre mich „Meine Liebe“ sagen-
so sprach ich sie oft an.
Beginne zu sprechen-
über die Bedeutungslosigkeit der Nachricht,
dass diese Worte mitgeteilt werden wollten,
dass sie vermutlich,
wie meine anderen Nachrichten zuvor,
nie abgehört werden.
Meine Worte sind ruhig.
Klar.
Im Moment.
Ich spreche darüber,
wie es gerade ist
und dass ich aus dem letzten Impuls heraus spreche.
Ich höre mich Worte
über die Begegnung mit dem Tod sagen
ehe ich ins Tagesbewusstsein zurückkehre.

Was nachhallte
„Die Welle weint.„
Tränen flossen.
Nicht aus Erleichterung,
weil ich dem Tod entkommen war.
Sondern als Ausdruck,
dass etwas in Fluss kommen durfte.
Der Tod hatte mich nicht direkt berührt,
und doch etwas in mir angeschwungen,
das lange nachhallte.
Als wollte etwas
bis in die tiefsten Schichten
durchdringen.
Direkt nach dem Wachwerden
wollte der Traum notiert werden.
Meine Hand schrieb
statt „Tod“
das Wort „Tao„.
Kurzes Innehalten.
Vielleicht ohne Bedeutung.
Vielleicht reicht ein kurzes Hinschauen:
Tao beschreibt den Weg.
Den Fluss.
Das Nicht-Erzwingen.
Eine Haltung,
wie sie mir im Traum begegnet ist.
Keine Kapitulation.
Eher wie ein vollständiges Einverstandenwerden mit dem Moment.
Welche Bewegung möchte sich noch vollenden,
wenn jetzt wirklich Schluss wäre?
Ich spürte
wie mein System
einen bedrohlichen Zustand organisierte,
in dem Angst
keine Führung mehr übernahm.
Denn der Traum war objektiv bedrohlich.
Das Nervensystem reagiert.
Es orientiert sich.
Es sucht den Warnblinker.
Es registriert den Abgrund.
All das geschieht.
Aber etwas anderes übernimmt nicht mehr die Führung.
Nicht Verleugnung.
Nicht Panik.
Nicht Erstarrung.
Sondern Wahrnehmung.
Mit mir begegnet der Tod einem Menschen,
der ihm erlaubt,
einfach da zu sein.
Erst im längeren Betrachten wurde klar,
dass dieser Traum im Grunde
keine Begegnung mit dem Tod war.
Sondern eine Begegnung
mit dem letzten Festhalten.
Der Tod lässt Ereignisse sprechen.
Sie sind eher wie Wellen,
die dieselbe Richtung andeuten.
Diesmal hat er mich über den Traum berührt-
sehr tief.
Vielleicht tiefer,
als wenn ich noch angstummantelt wäre.
Früher war da Widerstand.
Derartige Bewegungen wären als „Erschütterung“ benannt worden.
Nun schien mir „Berührung“ und „Erschütterung“
sind ein und dieselbe Bewegung,
nur der Widerstand ist anders.
Vielleicht braucht es Erschütterung nur so lange,
wie Widerstand noch starr ist.
Danach braucht es sie nicht mehr.
Dann genügt Berührung.
Nicht weil das Leben sanfter geworden wäre.
Sondern weil das System nicht mehr gegen die Bewegung arbeitet.
Dies zeigte sich mir als inneres Bild,
in dem Widerstand durch Schall
in Bewegung gerät.
Vielleicht beginnen Felder gleich zu schwingen.
Denn Resonanz ist eine eigentümliche Form von Nähe.
Zwei Dinge müssen sich nicht berühren.
Sie beginnen dennoch gemeinsam zu klingen.
Das wäre ein anderes Verständnis von Einheit.
Nicht Verschmelzung.
Nicht Auflösung.
Sondern Kohärenz.
Da war der Gedanke von einer Grenze,
die ihren Abwehrcharakter verliert
und eher Membran wird.
Was wäre,
wenn diese Membran
nicht nur trennt
oder verbindet,
sondern schwingen kann?
Dann wäre sie nicht Grenze.
Nicht Mauer.
Nicht Übergang.
Sondern Resonanzraum.
Und in dieser Unmittelbarkeit
entsteht eine eigene Form
von Nähe.

Was Menschen aus dem Tod gemacht haben
In einem Moment des Innehaltens
vertiefte sich Betrachtung
über das rosa Sofa
und die Bewegungen,
die im Nebeneinandersitzen
entstanden.
Das Ich erschien.
Begegnung wurde möglich.
Verabschiedet wurde es als Freund.
Paradoxerweise erlebte ich,
dass ich mein einstiges „Feindbild“ liebte.
Und mir scheint,
hier wird Trennung sichtbar,
indem sie sich auflöst.
Jetzt nimmt der Tod Platz.
Das rosa Sofa scheint sie alle einzuladen.
Nicht die übliche Gästeliste,
sondern diejenigen,
die jahrhundertelang
entweder bekämpft
oder funktionalisiert,
aber nicht gewürdigt wurden.
Nicht als Konzepte.
Sondern als Gegenüber.
Das rosa Sofa scheint kein Ort zu sein,
an dem Antworten gegeben werden.
Es ist eher ein Ort,
an dem Erscheinungen
ihre Verteidigung verlieren dürfen
und Wandel zugelassen wird.
Vielleicht darf auch der Tod betrachtet werden.
Nicht, weil man Antworten sucht.
Sondern weil sein Wesen erst sichtbar werden kann,
wenn der Impuls,
es sofort verändern
oder überwinden zu müssen,
leiser wird.
Mir scheint,
der Tod ist nicht
„zufällig“ erschienen.
Da ist niemand,
der mitschaut
oder mich hält.
Da ist keine Angst,
die sich zwischen uns schiebt.
Aber ich glaube,
er ist es gewohnt,
dass Angst gehabt wird.
Und das ist neu.
Vielleicht ermöglicht dieser freie Blick,
dass vorbehaltlose Stille entsteht,
statt Flucht,
Abwehr
oder Einordnung.
Und in dieser Stille schaue ich,
ohne etwas zu tun.
Frage still:
„Wer bist du wirklich?“
Der Tod antwortet auf seine Weise:
Er zeigt
und offenbart sich im Zeitgeschehen.
Meine Hand ist offen.
Sie hält nicht fest.
Sie greift nicht.
Sie ist da.
Wie ein Wohnzimmertisch,
auf den etwas gelegt wird,
das sichtbar werden darf.
Nicht, damit etwas geschieht,
mehr wie eine Einladung.
Das einstige Wissenwollen
war verschwunden.
Da war ein Nicht- Wissen darüber,
wie sich unsere Begegnung
auf dem rosa Sofa
gestalten würde.
Was sich zeigte,
war nicht das,
was ich bislang
über den Tod
zu wissen glaubte.
Sondern eher sein Wesen.
Er darf sein.
Ohne etwas verkörpern zu müssen.
Genauso wie aus dem Ich etwas „gemacht“ wurde,
wurde vielleicht auch aus dem Tod etwas „gemacht“.
Der Tod ist vielleicht nicht falsch verstanden worden.
Nur haben Bedeutungen sein Wesen überdeckt.
Für die meisten Menschen bedeutet Tod:
- Angst.
- Verlust.
- Endgültigkeit.
- Strafe.
- Scheitern.
- Kontrollverlust.
Vielleicht sogar Zeitdruck.
Und nun innezuhalten und zu bemerken,
wo sich um etwas Geschichten gelegt haben,
die irgendwann für das Wesen selbst gehalten wurden.
Doch was wäre, wenn der Tod all dies nicht wäre?
Wenn er nicht das Ende wäre
und auch kein Anfang,
sondern Übergang?
Wenn wir uns erlauben, uns für die Frage zu öffnen:
Wie erlebt sich Wandel,
wenn wir aufhören,
ihn nur als Verlust zu verstehen?

Der Saum
Lange saß ich am Strand.
Betrachtete die Wellen.
Und stellte fest:
„Ich muss langsamer werden.
Das Meer macht etwas mir mir.“
Ich saß da vor diesem großen weiten Meer und schaute.
Das Meer rauschte.
Ich lauschte.
Mehr nicht.
Es schien,
als würden wir uns
mit jeder Wellenbewegung
aufeinander einschwingen.
Grenzen wurden weicher.
Nähe entstand-
dann Resonanz.
Antworten erschienen,
ohne dass Fragen notwendig waren.
Plötzlich verstand ich,
warum das Meer den Sand „braucht“-
zum Erden.
Und warum der Sand das Wasser „braucht“-
um zu fließen.
Das sich Brauchen wie ein natürliches Anlehnen,
kein Bruch.
Über die Erfahrung der Annäherung
entstand Betrachtung
über das Wort „Getrenntsein“.
Horizont und Meer erscheinen getrennt voneinander.
Meer und Strand ebenso.
Die Grenze zwischen Strand und Meer
kann ich gut betrachten.
Sie ist direkt vor mir.
Ich nehme wahr.
Und ich stelle fest,
es gibt keine „richtige“ Grenze.
Das, was einst
in meiner Vorstellung
„Grenze“ war,
ist ein Übergang
mit einem schmalen Streifen,
bei dem sich beide Elemente
begegnen.
Wo Sand nass wird
oder Meer sandig.
Was ist mit den Umrissen von Wolken?
Oder Menschen?
Ist da Grenze
oder Übergang?
Menschen erleben sich im Bewusstsein,
dass alles eine Grenze
mit scharfen Konturen hat.
Was, wenn diese Vorstellung selbst
das Getrenntsein bestätigt?
Was, wenn Abwehr weniger wird,
Grenze nur eine dünne Membran ist?
Was, wenn Dinge wie Kontrast dabei helfen,
Texturen voneinander zu unterscheiden?
Vielleicht, damit Leben erfahrbar wird-
und nicht eine „Suppe“ ist.
Vielleicht erkannte ich in allem
dasselbe Bewusstsein.
Ist das Einheit?
Vielleicht passt der aufgefächerte Fächer als Bild.
Alle Blätter sind verbunden.
Sie schauen vielleicht anders aus,
haben eine andere Textur
und Ausdruck.
Wenn der Fächer geschlossen ist,
ist alles in ihm enthalten.
Ist er geöffnet,
sehe ich Vielfalt.
Vielleicht verändert sich mein Blick.
Vorher waren es einzelne Facetten
in ihrer vollen Entfaltung.
Aber in der unmittelbaren
Begegnung und Gegenwärtigkeit
rutschen alle Facetten
für einen Moment zusammen
und erlauben
eine neue Wahrnehmung.
Ich bin mir nicht sicher-
vielleicht berührt der Tod sie alle-
wie ein Grenzgänger,
der am Saum steht.
Der Saum.
Ein Wort,
das irgendwo zwischen
Grenze,
Übergang,
Berührung
und Resonanz liegt.
Das Wort kam mir
beim Beobachten
der letzten Wellenbewegungen.
Mehrere Wellen liefen
zu einem Wellenkamm zusammen.
Kräuselnd wie kleine Finger,
die sich in den Sand graben
und langsam vorwärtsschieben,
bewegen sie sich auf den Strand zu.
Wie ein letzter Ausdruck oder
eine letzte Antwort des Meeres.
Vielleicht ist der Tod gar nicht das Ende.
Vielleicht gehört er zum Wesen des Übergangs.
Vielleicht ist der Saum
der Ort,
an dem Trennung beginnt,
ihre Bedeutung zu verlieren.

Übergänge haben nie aufgehört
Noch vor wenigen Monaten
erlebte ich mich selbst
im Übergang-
vom Kreis zur Spirale.
Ich schrieb über die Monate
der Orientierungslosigkeit
im Zwischenraum.
Alte Werkzeuge und Logik
griffen nicht mehr.
Mein Körper übernahm
als feines Wahrnehmungsinstrument.
Damals war ich IM Übergang.
Nun betrachte ich ihn.
Der Blick hat sich verändert.
Vielleicht ist Übergang ein Geschehen.
Ein Ort,
an dem zwei Felder
einander berühren.
Deshalb wird der Sand nass.
Deshalb wird das Meer sandig.
Keines verliert sein Wesen.
Und doch verändert die Begegnung beide.
Denn nun steht da der Tod-
am Saum des Übergangs.
Nicht als Erscheinung.
Mehr als die verdichtete Qualität seines Wesens.
Angst erscheint ichgemacht.
Dabei scheint die Angst,
die wir mit dem Tod verbinden,
weder seine zu sein
noch ihn zu umgeben.
Vielleicht wurde sie über ihn drübergelegt,
so dass ein verzerrtes Bild entstand.
Was macht genau Angst?
Der Tod?
Der Übergang?
Oder ist es eher der Kontrollverlust
in der Begegnung
eines bislang unbekannten Feldes?
Vielleicht hat sich diese Angst generalisiert auf Übergänge gelegt.
- Geburt.
- Pubertät.
- Trennung.
- Altern.
- Wechseljahre.
- Abschied.
Menschen scheinen sich schwer zu tun,
ins Unbekannte zu vertrauen.
Vielleicht weil Sicherheit im Fortlaufen von Zeit nicht spürbar ist.
Im Zwischenraum gab es eine ähnliche Wahrnehmung dazu.
Dass Zeit immer weniger Bedeutung hält
und langsam Selbsttragefähigkeit entsteht.
Im Zwischenraum zeigte sich damals etwas,
das ich erst jetzt zu verstehen beginne.
Vertrauen entstand nicht,
weil plötzlich Sicherheit vorhanden war.
Sondern obwohl sie fehlte.
Es scheint nicht so zu sein,
dass jeder Tiefe- Artikel für sich steht.
Sondern dass bisherigen Wahrnehmungen
wie in einem Feld
ineinandergreifen.
Würdigung entstand,
ohne etwas daraus zu machen.
Vielleicht ist der Tod ein wenig „entzaubert“ worden,
weil sein eigentliches Wesen sichtbarer wird.
Vielleicht brauchte er das Meer,
um mir zu zeigen,
dass Übergang immer da war
und laufend geschieht.
Dass er nicht schmerzt.
Weder Meer noch Sand
wehren sich.
Ebbe und Flut geschehen.
Und dieses Bild,
den Tod am Saum des Meeres stehen zu sehen,
ist wunderschön.
Der Tod ist längst da.
Nicht als Sterben.
Sondern als fortwährender Wandel.
Der Tod berührt meine Betrachtung.
Er zeigt sich nicht als Ende.
Sondern als Erscheinung der Übergänge.
Nicht indem er sagt:
„Du wirst sterben.“
Sondern indem er immer wieder fragt:
„Siehst du, dass Wandel schon immer geschieht?“
Hier muss nicht mehr
gegen etwas gekämpft werden.

Die letzte Angst
Vielleicht ist es eine Illusion zu glauben,
„am Ende“ kommt plötzlich der Tod.
Er war immer schon
in einer Form
von Vergänglichkeit da.
Jeder Atemzug ist Leben und Tod.
Es geht ineinander über.
Einatmen-
ausatmen.
Vielleicht ist das das einfachste Bild überhaupt.
Leben und Vergehen sind darin gar keine Gegensätze.
Sie gehören zu einer Bewegung.
Wenn wir nur einatmen könnten,
würden wir sterben.
Wenn wir nur ausatmen könnten,
ebenfalls.
Das Leben besteht gerade
im Rhythmus beider.
Ich sterbe jeden Tag
und doch ist da die große Angst
vor dem endgültigen Ende,
dem vollständigen Stopp der Körperfunktion.
Obwohl das,
was ich „bin“
wieder das geworden ist,
was es immer war.
Wie eine Welle,
die wieder Meer wird.
Menschen wollen,
dass Zeit voranschreitet,
dass sich etwas entwickelt,
dass Pläne umgesetzt werden,
dass Kinder groß werden.
Wir akzeptieren den Schub,
aber ab einem bestimmten Punkt
setzen Menschen alles daran,
„Zeit zu gewinnen“.
Erste Alterserscheinungen,
Fältchen,
körperliche Weichheit
werden zum Ziel
im Kampf gegen die Zeit,
weil sie als Vorboten
auf das nahende Ende
wahrnehmbar werden.
Aber Zeit lässt sich nicht aufhalten.
Das erscheint paradox.
Der Mensch scheint Zeit
immer nur in einer Richtung zu mögen.
Vorwärts,
aber bitte ohne Verlust.
Das funktioniert natürlich nicht.
Vielleicht entsteht genau dort der Kampf.
Nicht gegen den Tod.
Sondern gegen die Bewegung des Lebens selbst.
Der Tod scheint nicht mehr
den Übergang vom Leben
in den Tod
zu zeigen.
Sondern einen viel feineren Übergang.
Den Übergang vom Festhalten
zum Geschehenlassen.
Vielleicht ist Angst gar keine Angst vor dem Tod.
Vielleicht entsteht sie genau dort,
wo Leben festgehalten werden soll,
obwohl sein Wesen Bewegung ist.
Festhalten wirkt zunächst wie Sicherheit.
Vielleicht ist es aber gerade das Festhalten,
das den Fluss unterbricht.
Nicht der Tod nimmt das Leben.
Vielleicht versucht nur das Leben,
weiterzufließen.

Als das Meer antwortete
Ich ging ins Meer.
Eine Welle rollte unvermutet gleichförmig
in einer Front an mich heran.
Ich spürte sie an meinem Körper.
Zeitgleich sah ich sie rechts und links
im Augenwinkel
synchron an mir vorbeifließen,
während mein Blick
nach vorne gerichtet war.
Für einen Moment erlebte ich
ein unbeschreibliches Gefühl
von Zeitlosigkeit.
Wie aus der Zeit gehoben.
Das Herz stand kurz still,
Sprache war weg,
nur im Moment sein.
Erst später bemerkte ich,
dass ich nicht nur die Wellen hörte.
Unter dem Rauschen lag ein tiefer,
getragener Ton–
als würde das Meer selbst
in einer einzigen
langen Schwingung ruhen.
„Entrückt sein“ kommt mir
und ich frage direkt
„Wovon denn?“
Mir scheint
von der linearen Zeitwahrnehmung
und von der Notwendigkeit,
alles sofort einzuordnen.
Als eine andere Form von Nähe,
die entsteht,
wenn Chronologie verschwindet.

Vielleicht muss der Tod nicht bekämpft werden
Menschen kämpfen seit Jahrhunderten gegen den Tod
oder versuchen ihn zu überwinden.
Sie versuchen Lebenszeit zu verlängern,
weil plötzlich Zeit fehlt.
Oder wurden nur Momente zu wenig ausgekostet
und am Ende stellt man fest-
es ist keiner mehr übrig?
Der Tod ist nicht verhandelbar.
Er ist uns gewiss.
Egal, wie geschickt wir es anstellen,
es wurde noch keiner vergessen.
Die Ernsthaftigkeit,
die den Tod zu umgeben scheint,
darf aufgebrochen werden.
Sie belegt den Tod,
aber auch das Leben
mit einer unnötigen Schwere.
Weder der Tod, noch das Leben sind traurig, schwer, schlimm.
Sie sind einfaches Geschehen, das erfahren werden will.
Der Abstand ist ichgemacht,
hervorgerufen durch Angst.
Vielleicht überwiegt die Angst vor dem Verlust der Existenz
und dem, was Menschen daran geknüpft haben.
Der Körper,
das Ich,
der Tod erscheinen wie vorausgesetzt,
ohne je betrachtet worden zu sein.
Alle wissen, dass es sie gibt.
Und gerade deshalb werden sie kaum betrachtet.
Sie werden benutzt.
Über sie wird gesprochen.
Sie werden bewertet.
Aber ihr Wesen bleibt merkwürdig unsichtbar.
Alle drei werden häufig mit demselben Reflex behandelt:
- den Körper optimieren oder überwinden,
- das Ich auflösen oder überwinden,
- den Tod besiegen oder überwinden.
Vielleicht ist das gar kein Zufall.
Vielleicht richtet sich derselbe menschliche Impuls
immer wieder auf unterschiedliche Erscheinungen:
Etwas an dem,
was ist,
darf eigentlich nicht so sein.
Wenn dieser Impuls wegfällt,
beginnt sich etwas anderes zu offenbaren.
Nicht Zustimmung im Sinne von: Alles ist gut.
Sondern Hinwendung.
Der Körper darf betrachtet werden.
Das Ich darf betrachtet werden.
Vielleicht darf auch der Tod betrachtet werden.
Keine Überwindung.
Keine Verdrängung.
Keine Verklärung.
Vielleicht braucht er nur Betrachtung.
Nicht, weil man Antworten sucht.
Sondern weil das Wesen
erst sichtbar werden kann,
wenn der Impuls,
es sofort verändern
oder überwinden zu müssen,
leiser wird.
Vielleicht ist der Tod deshalb so missverstanden worden,
weil wir Festhalten
mit Leben verwechselt haben.

Wenn die Welle wieder Meer wird
Ich stand im Meer,
blickte in die Weite
und kostete die Unendlichkeit.
Vielleicht versucht der Mensch
diese durch lineare Zeitrechnung greifbar,
messbar,
erzählbar zu machen.
Es macht keinen Sinn,
etwas zu wünschen.
Es wäre eine direkte Projektion
in eine mögliche Zukunft.
Wohingegen Erinnerungen
eine Zugbewegung
in die Vergangenheit sind.
Gedanken,
die versuchen eine Geschichte zu erzählen
und dabei die Wirklichkeit verlassen.
Denn der Moment ist vorbei.
Er bestand nur einen Moment.
Dann kam ein weiterer.
Deshalb mag es weise erscheinen,
den Moment in seiner ganzen verfügbaren
Aufmerksamkeit zu erleben.
Denn er ist-
und verschwindet wie der Atem.
Ein- und ausatmen.
Eine Bewegung.
Und vielleicht ist Gegenwärtigkeit
deshalb so wenig gegenwärtig,
weil das Drumherum
oft viel interessanter ist
als der Moment.
Der Geist driftet
regelmäßig weg
von der aktuellen Erfahrung
und sucht bereits den nächsten Moment.
Langsamkeit könnte helfen.
Aber sie erscheint uns nur dabei aufzuhalten,
irgendwo anzukommen.
Viele Menschen erleben Langsamkeit als Verzögerung.
Dabei erscheint sie einen anderen
Modus des Wahrnehmens zu erlauben.
Das Meer zeigt diese Gegenwärtigkeit.
Es ist immer im Moment.
Es ist immer in Fluss.
Es muss nicht festhalten.
Bewegung entsteht unmittelbar.
Wellen sind sein Ausdruck.
Scheinbar getrennt vom Meer
und doch in ihm
bewegen sie sich,
fließen nebeneinander,
berühren sich.
Ohne zu vergleichen.
Ohne zu konkurrieren.
Ohne sich zu bekämpfen.
Die Welle ist Meer,
und doch gibt es zwei Worte für eine Form-
einmal nennen wir es Welle,
einmal Meer.
Vielleicht ist da keine Trennung,
vielleicht nur Übergang.
So wie Horizont und Meer ineinander übergehen,
ohne sich zu verlieren.
Die Welle wurde nicht zu Meer.
Sie war es immer.
Rückblickend scheint es,
als hätte der Tod nie versucht,
sich selbst zu zeigen.
Er ließ vielmehr das Leben sprechen.
Übergänge.
Wellen.
Zeit.
Vergänglichkeit.
Und erst allmählich wurde sichtbar,
dass all diese Bewegungen
dieselbe Sprache sprachen.

Der letzte Gedanke
Ich spürte, die Begegnung war noch nicht vollständig.
Und dann wurde es still.
Da war das Lied.
Chasing Cars.
Diese eine Zeile:
„Would you lie with me and just forget the world?“
Dann ein Bild.
Das vom Sternenhimmel.
Einst sah ich Stefanie und mich unterm Sternenhimmel liegen.
Umgeben vom Frieden und der Stille der Nacht.
Nun veränderte sich das Bild.
Gegenwärtigkeit rückte an diese Stelle.
Nicht sie lag neben mir.
Sondern der Tod.
Da war kein Erschrecken.
Nur Moment.
Tiefer Frieden.
Vielleicht legt er sich irgendwann einfach dazu
und die Zeit bleibt endgültig stehen.
Nicht, er holt mich.
Sondern wir schauen beide in die Weite des Sternenhimmels.
Vielleicht reicht er mir seine Hand.
Ich lege meine Hand in seine-
nicht er greift meine.
Ein inneres Nicken.
Ein Einverstanden sein.
Eine letzte stille Bitte:
„Gib mir einen Moment für den Sternenhimmel.
Nur einen Moment,
um mich bewusst zu verabschieden.„
Ein letztes Ausatmen.
Ein letzter Blick in die Ferne.
Ein Lebwohl.
Ich vertraue mich ihm an-
weil etwas in mir
seine stille Gewissheit erkennt.
Er ist mein Freund geworden.
Wie beim Ich.
Und ich vertraue ihm so sehr,
dass ich ihm mein Leben anvertraue.
Da sind wieder Tränen.
Etwas hat sich gelöst.
Ich spürte,
dass nichts mehr offenblieb.
Kein letzter Gedanke.
Keine unerledigte Bewegung.
Nur Gegenwart.
Da ist Liebe.
Frieden.
Stille.
Und eine unendliche Dankbarkeit
für diese bewegende Begegnung.
Was gerade geschehen ist,
fühlt sich an,
als hätte sich der Abstand zusehends verringert.
Wie Zusammenrutschen.
Wie ein Fächer, der geschlossen wird.
Unmittelbarkeit.
Vielleicht fühlt sich deshalb dieser Moment so tief an.
Die Begegnung auf dem rosa Sofa
wandelt nicht nur das Bild vom Tod,
sondern auch mich.
Diese letzte Szene,
ich bewahre sie im Herzen.
Irgendwann ist der letzte Moment.
Es braucht keinen letzten Gedanken mehr.
Kein Festhalten.
Nur diesen einen Blick
in den Sternenhimmel.
Es ist gut.

Begegnungen auf dem rosa Sofa– Teil 2
30.07.2026 – Als der Tod am Saum stand
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