Es gab eine Geschichte in meinem Leben, der ich lange Zeit Bedeutung zuschrieb.
Der Bruch mit meiner Freundin.
„Zeit heilt alle Wunden“– so sagt man.
Doch Gedanken kreisten um diese Geschichte und hielten den Schmerz lange lebendig.
Etwas wollte gesehen werden.
Während des Schreibens dieses Textes spürte ich eine Unstimmigkeit.
Wie feiner Sand zwischen den Worten.
Subtil- und doch wahrnehmbar.
Es sollte kein Abschiedstext werden.
Und doch wurde er zu einem Abschied.
In der Stille fand ich Antworten, wo zuvor Fragezeichen standen.
Zwei Ereignisse, die nahezu zeitgleich geschahen, bewegten das Feld.
Während der Schmerz des Zusammenbruchs sich löste,
blieb er im Beziehungsfeld zunächst noch gebunden.
Am Ende zeigte sich:
Beides gehört zusammen.
Vom Schmerz zu werden, wer man ist
2025 war das Jahr, in dem mein falsches Selbst starb.
Eine Version, die ich 46 Jahre lang verkörperte.
Mein 47. Lebensjahr brachte mich zu mir zurück.
Da war Trauer um die Zeit, die es gebraucht hatte, um dies zu erkennen.
Und gleichzeitig tiefe Dankbarkeit.
Menschen müssen mich neu kennenlernen.
Ich selbst muss mich neu kennenlernen.
Mein falsches Selbst gibt es nicht mehr.
Schon öfter legte ich alte Versionen ab.
Nie war es so radikal.
Es nahm all das mit, was ich glaubte zu sein:
Fassaden. Rollen. Unbewusste Muster.
Dieses falsche Selbst erschien mir wie eine Festung,
die zum Einsturz gebracht worden war.
Wie feiner Baustaub wirbelten die Themen,
die sie zusammengehalten hatten, durch den Raum.
Da war diese Stimme.
„Schau ganz genau hin.“
Und ich nickte innerlich.

Die Begegnung mit der eigenen Verletzlichkeit
Das, was einst Sicherheit versprach, gab es nicht mehr.
Da war Ohnmacht.
Eine Geschwindigkeit, in der Dinge sichtbar wurden– jenseits von Kontrolle.
Es war keine kleine Schwelle.
Ich wurde in meinen Rohzustand zurückversetzt.
So fühlte es sich an:
nackt, wund, verletzlich.
Ein Ich ohne falsches Selbst.
Sicherheit war zart.
Fast fragil.
Atmen.
Sich halten.
Erdung.
Was blieb, war ehrliches Hinschauen.
Der Schmerz begleitete mich lange.
Wie ein Marker dafür, dass ich lebendig war.
Alte Funktionsweisen wurden sichtbar.
Masken fielen.
Ich hatte mich längst verlassen,
um jemand zu werden, der Erwartungen erfüllt.
Die Rolle der Retterin, der Heilerin,
der immer Verfügbaren wurde sichtbar.
Verborgene Motive, aus denen sich Muster formten, traten hervor.
Leise Scham begleitete meine Blindheit.
Nicht, um zu urteilen.
Sondern um aufzudecken.
Der Schmerz war mein Begleiter
auf einem Weg ohne Abkürzung.
Schreiben wurde zu einem Raum,
in dem Erleben Worte fand.
Als Zeugnis eines schrittweisen Verarbeitens.
Nicht linear.
Ohne Anspruch auf Richtigkeit.
Schonungslose Ehrlichkeit.
Innehalten.
Atmen.
Jeden einzelnen Tag.
Es war, als übernähmen die Tage selbst eine Funktion.
Sie trugen mich weiter.
Und mit ihnen veränderte sich das Feld–
zunächst kaum spürbar.

Im Übergang
Stille
Und dann wurde das Feld allmählich ruhiger.
Die Geschwindigkeit verlor ihren Drang.
Bewegung blieb– aber ohne das Gefühl, etwas vorantreiben zu müssen.
Ich betrat einen Raum der Stille.
Es wirkte fast wie eine Belohnung nach Anstrengung.
Und doch war es nur ein Wechsel der Räume.
Ein erstes spürbares Verschieben.
Da waren Weite und Raum.
Und eine Form von Leere.
Keine Leere im Sinne von Mangel.
Sondern eine, in der nichts fehlte.
Gedanken traten in den Hintergrund.
Nicht, weil sie gestoppt wurden,
sondern weil sie nicht mehr im Zentrum standen.
Dinge begannen sich zu ordnen.
Langsam.
Ohne inneren Druck.
Fast wie von selbst.
Dunkelheit
Da war Dunkelheit.
Nicht bedrohlich.
Sie hatte nichts Schweres.
Eher etwas Umhüllendes.
Ein Raum, in dem nichts sichtbar sein musste,
um da sein zu dürfen.
Ich begann zu verstehen,
dass nicht alles ans Licht geholt werden muss.
Manches reift im Verborgenen.
Und genau dort
verändert es sich.
Einsamkeit
Es gab eine Phase des Alleinseins.
Nicht als Mangel.
Nicht als Rückzug aus der Welt.
Sondern als etwas, das sich richtig anfühlte.
Als würde mein System wissen,
dass es diesen Raum braucht.
Kontakte wurden leiser.
Verbindungen sortierten sich.
Nicht aktiv,
sondern durch das, was nicht mehr stimmig war.
Ich war mit mir.
Und das war neu.

Shift ins Neue Selbst
In spirituellen Räumen entstehen leicht Bilder davon,
wie Entwicklung auszusehen hat.
Unmerklich schleichen sich Maßstäbe ein.
Einordnungen.
Vorstellungen davon, wer „bewusst“ ist– und wer nicht.
Auch ich habe mich darin bewegt.
Es ging weniger um Wahrheit,
mehr um eine leise Form von Bedeutung.
Erst später wurde mir klar,
wie subtil sich das zeigt.
Die Idee, jemand zu sein,
der versteht, der sieht, der weiter ist.
Und gleichzeitig die Angst,
bedeutungslos zu sein.
Eine Schwelle, die kaum sichtbar ist–
und doch vieles bestimmt.
In der 11. Rauhnacht übertrat ich sie.
Nicht, weil ich es wollte.
Sondern weil es geschah.
Unvermittelt begegnete ich meiner eigenen Bedeutungslosigkeit.
Und etwas fiel weg.
Nicht abrupt.
Eher wie ein leises In- sich- Zusammenfallen.
Das, was ich als Ich- Bewusstsein kannte,
trat in den Hintergrund.
Es tat nicht weh.
Aber es veränderte alles.
Da war ein Stillstand–
und gleichzeitig ein leises Weiterrutschen.
Nicht mehr aus mir heraus gesteuert.
Sondern eingebettet in etwas,
das ich nicht benennen musste, um darin zu sein.
Seitdem schreibe ich aus diesem Raum.
Nicht, um etwas zu erklären.
Sondern weil sich zeigt, was ist.

Vom Loslassen eines Herzensmenschen
Das Potential loslassen
Sie war mein Herzensmensch.
Meine beste Freundin.
Meine Seelenschwester.
Meine Vertraute.
Wie Sonne und Mond.
Da war Nähe.
Tiefe.
Und die Idee von gemeinsamem Wachstum.
Vieles schien möglich.
Und vielleicht war es genau diese Vorstellung,
die mich davon abhielt, im Jetzt zu sehen, was ist.
Zwischen uns lag eine Schwelle.
Eine Verbindung, die nicht mehr trug–
und dennoch durch Schmerz lebendig blieb.
Wenn es nicht mehr wehtut– was bleibt dann?
Lange war Schmerz mit Bedeutung verknüpft.
Mit einer Geschichte, die Sinn gab.
Doch irgendwann wurde es stiller.
Traurigkeit blieb.
Aber ohne das Bedürfnis, sie festzuhalten.
Ein leises Anerkennen dessen,
was nicht geworden ist.

Die Hoffnung loslassen
Da war eine Hintertür, die offenblieb.
Hoffnung.
Sie verhinderte, dass sich diese Tür schloss–
und ließ mich in einem Zustand dazwischen zurück.
Der Körper spürte, dass es nicht stimmig war.
Der Verstand suchte nach Wegen, loszulassen.
Das Herz nach Frieden.
Und doch blieb etwas bestehen.
Die Hoffnung auf Rückkehr.
Bis ich sah, was ich lange nicht sehen wollte:
Es wurde keine Freundschaft mehr mit mir gewünscht.
Nicht plötzlich.
Nicht im Affekt.
Sondern als klare Entscheidung.
Ihr Schweigen ließ keinen Raum für Abschluss.
Und gerade darin lag seine Wirkung.
Es war Zeit, in Akzeptanz zu gehen
und als letzten Schritt die Tür zu schließen.
Ich möchte weitergehen.
Leicht.
Vielleicht wird es neue Begegnungen geben.
Vielleicht auch nicht.
Beides ist offen.
Erst als ich aufhörte zu warten,
veränderte sich etwas.
Nicht im Außen.
Sondern in mir.
Ich schloss die Tür.
Still.
Den Schmerz loslassen
Da war Wut.
Darüber, dass sie gegangen war,
ohne ein Wort.
Und dass ich mit all dem zurückblieb.
Eine Frage tauchte auf:
„Meinst du nicht, dass sie ebenso dasitzt und versucht, es zu verstehen?“
Ich hatte sie mir nie gestellt.
Dann verschob sich etwas.
Der Blick, der so lange bei ihr war,
kam zurück zu mir.
Es ging nicht länger um sie.
Es ging um mich.
Um das, was ihr Weggang in mir berührte.
Alte Wunden.
Vertraute Muster.
Der Schmerz war nicht neu.
Aber er wurde durch sie sichtbar.
Wie ein Speer steckte er in mir.
Er hielt die Wunde offen.
Und mit ihr die Erinnerung.
Ein Teil von mir wusste:
Wenn ich ihn herausziehe, verändert sich etwas.
Vielleicht verschwindet nicht nur der Schmerz,
sondern auch das, was mich noch mit ihr verbindet.
Also blieb er.
Ich hielt den Schmerz–
und damit auch die Geschichte.
Bis ich zu sehen begann,
dass er nichts mehr bewahren musste.
Langsam verlor er seine Funktion.
Nicht, weil ich ihn loswerden wollte.
Sondern weil ich ihn nicht mehr festhielt.
Und mit ihm wurde auch sie stiller
in meinen Gedanken.
Gedanken werden still
Diese Geschichte kommt ohne Opfer und ohne Täter aus.
Ohne Schuldzuweisung.
Vordergründig geht es um eine Freundschaft.
Doch im Hintergrund hatten sich die Dinge längst verschoben.
Der Fokus richtete sich lange auf Intensität und Drama–
und auf Gedanken, die sich darum kreisten,
weil sie einen Ausweg suchten, den es nicht gab.
Ihr Weggang geschah nicht im Affekt.
Die Entscheidung war längst gefallen, bevor sie ging.
Mein Geburtstag war ein Tag in ihrem Kalender.
Für mich hatte er Bedeutung.
Der Schmerz des Verlustes legte sich auf dieses Datum.
Unfreiwillig wurde er zu einer Markierung des Endes einer Freundschaft.
Erinnerungen hielten den Schmerz in Bewegung.
Gedanken hielten Erinnerungen in Bewegung.
Was passiert, wenn Gedanken still werden?
Dann bin ich bei mir.
Im Moment, der ist.

Die Idee, sich neu zu begegnen
Die Saskia von damals gibt es nicht mehr.
Und gleichzeitig bin ich noch ich– nur anders.
Ich zerbrach in tausend Teile.
Im Zerbrechen starb das falsche Selbst.
Es geschah nicht in Stille, sondern im Schmerz.
Während ich hindurchging, geschah etwas Eigenes:
ich verbrannte nicht.
Da lagen tausend Scherben.
Ich sah sie mir genau an.
Prüfte sie auf Wahrhaftigkeit.
Wie eine zerbrochene Vase setzte ich mich allmählich neu zusammen.
Die Zwischenräume wurden von Gold gehalten.
Durch die goldenen Fugen schimmert Licht.
Ich bin kein makelloses Gefäß.
Mit mir ist etwas geschehen.
Das sieht man.
Meine Wundmale trage ich sichtbar.
Nicht aus Überlegenheit.
Nicht aus Stolz.
Sie zeigen etwas:
Verletzlichkeit ist meine Stärke.
Emotionen sind feine Instrumente der Wahrnehmung.
Meine Tiefe ist Lebendigkeit und Fülle.
Ich musste auf diese Weise zerbrechen.
Es war mein Weg zurück zu mir.

Leiser Abschied- Türen schließen sich
Das Zerbrechen dieser Freundschaft war lauter als mein eigenes.
Beide Male ist etwas zerbrochen.
Hier lagen Scherben als stummes Zeugnis.
Dort ist etwas Neues entstanden.
Bewegung, die still blieb.
Und Bewegung, die sich neu zusammensetzte.
Wo Gedanken ihre Beschäftigung verloren,
entstand Raum für erneute Betrachtung
Das, was wirklich wichtig war,
wurde lange nicht gewürdigt.
Jetzt holte mich dieser Moment in die Gegenwart.
Und ich begriff:
Ich habe an etwas festgehalten,
obwohl ich mich innerlich längst davon entfernt hatte.
Zugbewegung durch Gedanken,
die kreisten.
Und Erinnerungen, die Schmerz hielten.
Doch in Wahrheit hatte ich das Feld in meiner neuen Form längst verlassen.
Da war kein Verlust.
Sondern Anerkennung.
Eine Rückverbindung mit dem eigenen Wert.
Und mit der Schönheit von Fragilität.
Ich bin nicht die Form.
Und ich bewohne sie nicht.
Mein Gefäß wurde geleert
von dem, was ich glaubte zu sein.
Da ist Raum.
Raum, der sichtbar macht.
Und Licht, das sanft in den goldenen Zwischenräumen schimmert.

In Frieden sein
Da waren Träume.
Wir sprachen wenige Worte.
Ich erinnere mich an ein schlichtes:
„Du bist da.“
Und ein „Ja.“
Blickkontakt.
Stille, ohne innere Bewegung.
Raum entstand.
Ein nebeneinander Sitzen– wie damals auf der Bordsteinkante.
Weichheit.
Schwesterlichkeit.
Etwas, das bleibt.
Liebe, die nicht an ein Ende gebunden ist.
Und nicht an eine Geschichte.
Nicht als Wunsch nach Rückkehr.
Nicht als offenes Ende.
Sondern als etwas, das da ist,
ohne etwas zu fordern.
Ihr Kopf wird weich.
Sinkt an meine Schulter.
Keine Worte.
Und doch ist da alles gesagt.
Es ist gut.

Notizen aus der Tiefe– Teil 9
01.05.2026 – Vom Schmerz zu werden, wer man ist
Weitere Texte aus diesem Feld lesen.


0 Kommentare