In meinem Leben gab es eine Situation,
wo ich Hilfe suchte
und mit den Worten abgewiesen wurde,
man dürfe es nicht.
Ich erinnere mich noch genau
an die Wut der Ablehnung
und an das verzweifelte Suchen
nach der Lösung.
Mir blieb nichts anderes übrig,
als mit der Fragestellung allein zu sitzen.
Und dann kam ein Satz,
den ich aussprach,
ehe Denken sich vor
Wahrnehmung schieben konnte.
„Weil ich dich nicht dazu brauche!“
Die Worte aus meinem Innersten
hallten in der Stille,
die daraufhin entstand.
Was nicht als Kränkung gemeint war,
verletzte mein Gegenüber.
Ein erster zarter Riss in der Fassade
und doch enthielten diese Worte
vielleicht eine erste Ahnung von Ganzheit.
Nicht, weil es darum geht,
niemanden mehr zu brauchen.
Sondern weil diese Zugbewegung
einfach nicht mehr da ist.
Die leise Suche nach dem, was vermeintlich fehlt
Menschen suchen fast ununterbrochen.
- Mal nach Liebe.
- Mal nach Anerkennung.
- Nach Wissen.
- Nach Erfolg.
- Nach Heilung.
- Nach dem „richtigen“ Menschen.
- Nach sich selbst.
Die Objekte wechseln.
Die Bewegung bleibt.
Vielleicht geht es gar nicht um Beziehungen.
Vielleicht benutzt Beziehungen diese Bewegung nur besonders sichtbar.
Es scheint wie etwas, das mit dem Menschsein verbunden ist.
Wie eine natürliche Bewegung,
die selten genauer betrachtet
oder hinterfragt wird.
Und so entsteht allmählich etwas
wie ein Automatismus,
der sich wie deine zweite Haut anfühlt
und irgendwann selbstverständlich erscheint.
Suchen fühlt sich lebendig an.
Man ist in Bewegung.
Man ist beschäftigt.
Vielleicht sogar wichtig.
Ohne dass du es bemerkst, legt sich Identität darüber.
Das Ich zieht dich leise ins Tun.
Das Leben selbst ist Projekt geworden
bestehend aus Problem, Maßnahmen und Ziel.
Die Suche entfernt dich dabei von dir.
Vielleicht wird es Zeit,
kurz innezuhalten
und dich zu fragen:
Wonach suchst du eigentlich–
und was glaubst du dort zu finden?
Vielleicht ist gar nicht das Gesuchte entscheidend.
Sondern die Bewegung des Suchens.

Wenn Ganzheit von außen erwartet wird
Das Streben nach Ganzheit ist eine Dynamik,
der im Leben wiederholt begegnet wird.
Die Bezeichnung verändert sich.
Doch die Grundbewegung ist dieselbe.
Sie beginnt mit der Idee:
„Dir fehlt etwas.
So wie du bist,
bist du nicht in Ordnung“.
Wie ein Puzzle,
dem scheinbar ein Teil fehlt.
Es wird gesehen.
Es wird erinnert.
Es schmerzt.
Und es erscheint allzu menschlich,
dass dieses Fehlen
unmittelbar in eine Ergänzungsbewegung führt.
Früh lernen wir:
Fehler sind etwas „Schlechtes“.
Fehler müssen gesucht und abgestellt werden.
Fehler können durch Anstrengung überwunden werden.
Aber wen überwinden wir da eigentlich?
Aus der anfänglichen Idee wird schnell etwas,
das Gestalt annimmt-
ein inneres Bild von einem mangelhaften Selbst.
Der Schmerz,
der entsteht,
bedroht unser Sicherungs- und Schutzsystem.
Anstatt mit dem Schmerz zu sitzen,
bietet die Vorstellung
„Wenn ich das habe, dann …“
einen leichteren Ausweg an.
- Ergänzung.
- Die bessere Hälfte.
- Der ideale Partner.
- Die richtige Methode.
- Der Guru.
- Das Zertifikat.
- Mehr Bewusstsein.
- Mehr Geld.
Alle versprechen unbewusst:
Danach bist du vollständig.
Dabei verschiebt sich Ganzheit immer weiter in die Zukunft.
Bedürftigkeit zeigt sich als jene Bewegung,
in der das eigene Sein davon abhängig wird,
dass etwas von außen kommt.
Und das Leben wird zu einer ständigen Suche
nach dem fehlenden Puzzleteil,
auf welchem Glücklichsein steht.

Wenn Liebe zur Bedürftigkeit wird
Die Idee, in Ganzheit Erfüllung zu finden,
legt sich besonders sichtbar
auf den Bereich Partnerschaft.
Menschen suchen Menschen,
die passen.
Wie ein Herzkettchen
mit zwei Hälften,
das seine Entsprechung sucht.
Die Idee,
irgendwo diese Ergänzung zu finden,
unterstützt die Suche nach der romantischen Liebe.
- Man muss nur präsent genug sein.
- Man muss nur attraktiv genug sein.
- Man muss nur interessant genug sein.
Der ersehnte Mensch darf nicht nur Gegenüber sein.
Er wird zu jemanden „gemacht“:
- zum idealen Partner,
- zum Traumprinz,
- zur Zwillingsflamme.
Erwartungen entstehen:
- an Aussehen,
- an beruflichen Erfolg,
- an Charakter.
Attraktiv ist nicht,
wer du wirklich bist,
sondern wer du sein sollst.
Damit dieses Bild voneinander nicht endet,
entsteht eine feine Bewegung im Zwischenmenschlichen-
zwischen Erwartungen und Bestätigung,
sowie Kontrolle und Verlusstangst.
Eine Bewegung, die eine Gegenbewegung sucht.
Wir nennen vieles Liebe,
obwohl wir oft meinen:
„Bitte fülle meine Leere.“
Und vielleicht wurde unser inneres Erleben
durch eine eigene Bewegung genährt,
die auf der Dramaturgie von Geschichten beruht.
Fast jeder romantische Film,
fast jede romantische Geschichte
erzählt von:
- Verlust
- Sehnsucht
- Kampf
- Missverständnisse
- Wiederfinden
- Erlösung
Das ist Spannung.
Nicht unbedingt Liebe.
Vielleicht hat sich hier etwas verschoben.
Vielleicht wurde einfach diese Bewegungsform übernommen.
Nicht, weil Menschen Ganzheit suchen.
Sondern weil sich Identität über die Suche legt
und das Suchen selbst zu einem
Teil des eigenen Selbstbildes
geworden ist.
Vielleicht haben wir dadurch gelernt,
Intensität mit Liebe gleichzusetzen.
Vielleicht verwechseln wir Spannung mit Lebendigkeit.
Manchmal hilft es, neu zu schauen,
statt sich in der Suche zu verausgaben.
Manchmal mag einfaches Betrachten das Stillste sein,
wenn Bewegungen uns von uns selbst entfernen.
Manchmal reicht eine Frage:
Was geschieht eigentlich,
wenn das Gefühl entsteht,
jemand müsse etwas geben,
damit ich vollständig bin?
Dann wird plötzlich sichtbar:
Nicht der andere hält die Bewegung aufrecht.
Sondern der innere Mangel.
Liebe ist nicht verhandelbar.
Nicht romantische Liebe.
Nicht Zuwendung.
Nicht Bestätigung.
Sondern Liebe in ihrem Wesen.
Sie wird nicht größer, wenn zwei Menschen sich finden.
Und nicht kleiner, wenn einer geht.
Liebe selbst ist frei.
Bedürftigkeit bindet.

Was geschieht, wenn die Suchbewegung still wird?
Als das Ich still wurde,
zeigten sich Bewegungen,
die zuvor nicht wahrnehmbar waren.
Das gesamte Feld
war von feinen Such- und
Zugbewegungen durchzogen.
Ein Bedürfnis, das nach Erfüllung suchte,
zeigte sich in einer Haltespannung.
Das Nervensystem reagiert
und versucht die Spannung zu regulieren.
Solange jemand sucht,
entsteht Bedürftigkeit
und damit Zug am Gegenüber.
Das Ziehen selbst wird unbewusst
als Forderung wahrgenommen.
Jemand will etwas von mir.
Und dieses „Wollen“ fühlt sich
nicht frei an.
Sondern nach Festhalten.
Jeder kennt dieses Gefühl.
Man betritt einen Raum.
Und ohne Worte spürt man:
Da zieht etwas.
Erst wenn das Feld still wird,
kann Verbindung frei schwingen.
Es muss nichts mehr festgehalten werden.
Die Hand bleibt offen.
Menschen dürfen kommen.
Menschen dürfen gehen.
Beziehungen werden freier.
Begegnungen ehrlicher.
Man muss niemand mehr sein,
um geliebt zu werden.

Vielleicht war Ganzheit nie verloren
Die Idee, jemanden zu brauchen,
der die Lücke füllt,
verliert Notwendigkeit.
Nicht weil weniger Liebe da wäre.
Sondern weil Liebe nicht länger
verwechselt wird mit Bedürftigkeit.
Sein braucht keine Vervollständigung.
Die Sonne ergänzt sich nicht.
Das Meer wartet nicht auf eine weitere Welle.
Ein Baum wächst nicht, um vollständig zu werden.
Leben selbst ist bereits ganz.
Liebe darf wieder sein,
was sie war.
Vielleicht braucht Ganzheit keine Ergänzung.
Sondern nur den Wegfall des Glaubens,
unvollständig zu sein.
Vielleicht endet die Suche nicht,
weil du endlich gefunden hast.
Sondern weil der Irrtum verschwindet,
dass dir jemals etwas gefehlt hat.

Ergänzende Notizen aus der Tiefe– 29.07.2026
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