Es war während der heißen Tage Ende Juni.
Die Hitze stand in den Räumen.
An Schlafen war kaum zu denken
und doch waren da Müdigkeit,
Erschöpfung
und eine eigene Art von Hingabe.
In einer dieser langen Nächte,
saß ich da und beobachtete,
wie schnell es geschieht,
dass sich Denken vor Wahrnehmung schiebt
und Führung übernimmt.
Wie daraus leise etwas entsteht,
um das Gedanken,
Geschichten
und Identität kreisen.
In der Betrachtung dieser Bewegungen
verlagerte sich mein Blick
und ruhte plötzlich auf dem Ich.
In der Begegnung mit dem Ich
nahm ich dessen Beschäftigtsein wahr.
Es befand sich in einem ständigen Funktions- und Stabilisierungsmodus.
Unermüdlich versuchte es einzuordnen
und Sicherheiten herzustellen.
Während ich es so still betrachtete,
rührte es mein Herz.
Zuerst war da Mitgefühl.
Dann eine Weichheit,
die mich überraschte.
Es erschien mir,
als wäre diese innere Regung
bemerkt worden.
Wir schauten uns an.
Neugierig.
Und ich fragte:
„Wer bist du wirklich?“
Das erste Wiedersehen
Da war Erstaunen auf beiden Seiten.
Als würde man jemanden,
der schon immer da war,
zum ersten Mal
vollständig wahrnehmen.
Wir schauten uns an-
und taten nichts.
Ein fast zögerlicher erster Kontakt
wie eine zarte Berührung,
als könnte es nicht glauben,
dass es wirklich gesehen wird.
Ich notierte Wahrnehmung
und es schien mir,
als schaute es dabei
interessiert und neugierig über meine Schulter.
Da waren Überraschung und Berührtsein
über die Art meiner Betrachtung.
Nicht im Sinne von Anerkennung,
weil es „richtig“ eingeschätzt wurde.
Mehr ein überraschtes Wiedererkennen.
Als hätte es ein wenig vergessen,
wer es ist,
wenn es nicht mehr kämpfen
oder verteidigen muss.
Wie ein scheues Waldtier näherte es sich,
verringerte den Abstand.
Dann setzte es sich zu mir
und ich ließ es zu,
ohne zu wissen,
wie mir geschah.
Da war keine Angst-
nur Wahrnehmung.
Ohne Konzept.
Ohne Ordnungs- oder Bewertungssystem.
Leer.
Und in dieser Leere
nahm ich etwas wahr,
das sich wie Zärtlichkeit anfühlte.
Wie ein:
„Du verstehst mich.“

Alles, was über das Ich erzählt wurde
In dieser eigenartigen Leere
der unvermittelten Begegnung mit dem Ich
wollte etwas verstanden werden.
Das, was ich gerade erlebte und das,
was ich über das Ich zu wissen glaubte,
schien nicht übereinzustimmen.
Bislang kannte ich das Ich als etwas,
das Bewusstwerdung verhinderte
und das es zu überwinden galt.
Aus:
- Wer bin ich hinter den Rollen?
- Wer bin ich ohne Geschichte?
- Wer bin ich ohne Gedanken?
wurde ein Ziel:
- Ego überwinden
- Ego auflösen
- Ego töten
- Ego beobachten
Das Ich wurde nicht nur in seiner Funktion gesehen,
indem es
- Sicherheit
- Orientierung
- Bedeutung
- Kontinuität
- Zugehörigkeit
- Erklärungen
- Identität
herstellt,
sondern wurde zu etwas,
das zutiefst abgelehnt wurde.
Nicht selten folgen Menschen in spirituellen Kreisen jenen,
denen sie tiefe Einsicht zuschreiben.
Aus Worten wurde Wahrheit und Weisheit,
die in spiritueller Lehre mündete.
Aus dem Wunsch egofrei zu sein,
entstand Bewegung und eine eigene Dynamik.
Worte sind vielleicht nicht „falsch“,
aber sie wurden zu etwas „gemacht“,
das sie nie waren.
Vielleicht wurde das Ich gar nicht falsch erschaffen.
Vielleicht wurde das Ich nur nie still genug betrachtet.
Kaum jemand begegnet dem Ich selbst
und fragt:
„Wer ist das Ich,
wenn es nichts mehr verteidigen,
beweisen
oder schützen muss?“
Vielleicht weil seine Funktion
die dahinterliegenden Bewegungen verdeckte.
Vielleicht wurde ihm nur eine Aufgabe übertragen,
die nie seine war.
Dann ist das Ich nämlich weder Feind
noch Held
noch Illusion,
sondern
ein Teil,
der jahrzehntelang einen Dienst übernommen hat.
Vielleicht musste ich selbst still genug werden,
damit das Beschäftigtsein des Ichs sichtbar
und Begegnung möglich wurde.
„Wer bist du wirklich?“
stoppte eine gewohnte Bewegung
und brachte eine Umkehrung.
Anstatt den Blick wie üblich vom Ich wegzubewegen,
erfolgte Hinwendung.
Vielleicht wurde seine Verteidigungsarbeit
jahrzehntelang
mit seinem Wesen verwechselt.
Erst als die Abwehr stiller wurde,
konnte ich ihm begegnen.

Als die Abwehr verschwand
Vielleicht musste das Ich erst ein wenig „egal“ werden.
Bislang tauchte es auf,
wurde erkannt
und ging wieder.
Eine Bewegung, die wiedererkannt wurde-
egal in welcher Verkleidung.
Reibung verlor ihre Anhaftung.
Es gab nichts mehr zu tun.
Wiedererkennen reichte.
In dieser Nacht hatte ich das Gefühl,
dass das Ich bei mir war.
Es sprach nicht.
Kein Wort.
Da waren Nähe und Begegnung,
statt Abstand und Distanz.
Neugier und Interesse sich kennenzulernen,
ohne Angst.
Wir saßen still nebeneinander.
„Warum sprichst du nicht?“
Aber darauf hat es nicht geantwortet.
Es war einfach nur da.
Und dieses Nicht-Antworten war vielleicht die Antwort.
Mir scheint,
es sind bereits zu viele Worte geflossen.
Worte, die das Ich zu etwas „gemacht“ haben,
statt es zu betrachten.
Vielleicht braucht es keine Worte,
um das Ich kennenzulernen.
Diese Begegnung hatte eine völlig neue Qualität.
Keine Jagd.
Keine Optimierung.
Keine Mission.
Eher eine stille Neugier,
in der nichts zu tun war.
- kein Widerstand mehr
- keine Ablehnung mehr
- keine Angst mehr
- keine Aufgabe mehr
Nur Wahrnehmung.
Und plötzlich spürte ich
Weichheit.

Zusammenrutschen
Vielleicht wurde das Ich zu früh zum Problem erklärt.
Denn sobald das Ich zum Feind wird,
entsteht wieder Trennung.
Dann kämpft etwas gegen etwas.
Und jemand versucht:
- weniger zu denken,
- egofreier zu werden,
- präsenter zu sein,
- bewusster zu sein.
Vielleicht entsteht hier erneut jene Zugbewegung,
wie sie im Kreis beschrieben ist.
Ein Ziel,
das durch Selbstoptimierung aus einem inneren Mangel heraus
erreicht werden möchte.
Das Ich wurde
- zur Zielscheibe
- zum Feindbild
- zu etwas, was nicht sein durfte
Vielleicht wird hier eine verdeckte Form von Selbstablehnung sichtbar,
in dem das Ich nicht als ein Teil von dir anerkannt wurde.
In dieser Betrachtung tauchte plötzlich ein anderes Wort auf.
Da war das Wort „Zusammenrutschen“
und das Bild eines auseinandergefalteten Fächers.
Einzelne Schichten.
Dünne zarte Blätter.
Fast durchsichtig.
Getrennt voneinander.
Und doch gehören sie bereits zusammen.
Sie glauben nur,
sie müssten auseinanderstehen.
Wenn der Fächer geschlossen wird,
verschwindet kein Blatt.
Keines wird ausgelöscht.
Sie rücken lediglich näher.
Schichten müssen sich nicht länger voneinander fernhalten.
Sie dürfen näher kommen.
Vielleicht sogar aneinander ruhen.
Nicht ich bewege mich zum Ich.
Sondern wir rutschen ein wenig näher zusammen.
Die Vorstellung getrennt von etwas zu sein,
wird weniger.
Vielleicht weil Abstand Notwendigkeit verliert-
und Rückbewegung Annährung ermöglicht.
Vielleicht werden weitere Schichten
wie Blaupausen zusammenrutschen
und weitere Formen von Selbstbegegnung möglich.
Vielleicht auch nicht.
Es erscheint mir,
dass wenn sich Selbstablehnung in Frieden wandelt,
etwas sichtbar wird,
das jetzt noch nicht benannt werden kann.

Das rosa Sofa
Vor einiger Zeit tauchte ein inneres Bild auf:
Ein rosa Sofa.
Meine Freundin erschien.
Still.
Sie sitzt manchmal dort.
Ohne Worte.
Wie das Ich.
Da ist nichts zu tun.
Sie darf bleiben.
Sie darf gehen.
Dasselbe geschieht mit dem Ich.
Dasselbe geschieht mit Gedanken.
Dasselbe geschieht mit Erinnerungen.
Derselbe Frieden-
wie beim Sitzen neben dem Ich.
Auch das Ich sprach nicht.
Es musste nichts erklären.
Es musste nichts verteidigen.
Es musste sich nicht beweisen.
Es war einfach da.
Vielleicht war es ein Ich,
das zum ersten Mal
keine Funktion erfüllen musste,
weil einfach aufgehört wurde,
es zum Gegner zu machen.
Etwas Eigentümliches war geschehen:
„Wir sind still geworden in Wechselwirkung.“
Vielleicht wurde das Ich nie falsch verstanden.
Vielleicht wurde nur fast immer
seine Verteidigungsarbeit
mit seinem Wesen verwechselt.
Vielleicht ist genau das der Grund,
warum sich alles so still anfühlt.
Nicht, weil nichts mehr geschieht.
Sondern weil zum ersten Mal
nichts mehr gegen etwas anderes geschehen muss.

Vielleicht braucht das Ich keinen Krieg
Mich bewegte ein Gedanke:
„Vielleicht habe ich sogar
in der spirituellen Identität
gegen das Ich gekämpft.“
Ehrlichkeit wich Betroffenheit und machte sichtbar,
dass, wenn eine Lehre sagt:
Das Ego muss sterben.
Das Ich muss verschwinden.
Dann kann ein sehr feiner innerer Konflikt entstehen.
Nicht aus böser Absicht.
Sondern weil das System möglicherweise Folgendes hört:
Ein Teil von dir darf nicht da sein.
Nicht nur Menschen wurden zu jemand gemacht,
der sie nicht sind.
Nicht nur die Welt wurde zu etwas gemacht,
das sie nicht ist-
vielleicht auch das Ich.
„Was, wenn das Ich niemals der Feind war?
Wenn es zu etwas „gemacht“ wurde,
das es nie war?“
In dieser stillen Betrachtung,
wurde sichtbar,
wie müde und erschöpft es vom vielen Funktionieren war.
Unermüdlich stellte es Sicherheiten her,
regulierte den inneren Alarm.
Dasselbe Stabilisieren und Beschäftigtsein,
ein Wiedererkennen meiner selbst.
Vielleicht wurde deshalb der Blick weich.
Vielleicht entstand deshalb Mitgefühl.
Das Ich war nicht „böse“.
Vielleicht manchmal etwas unbeholfen.
Vielleicht hat das Ich jahrzehntelang Aufgaben übernommen,
die ursprünglich gar nicht seine waren.
Es musste Sicherheit herstellen.
Wert sichern.
Zugehörigkeit garantieren.
Identität stabilisieren.
Kontrolle behalten.
Das ist eine enorme Last.
Wenn diese Last geringer wird,
muss das Ich vielleicht nicht verschwinden.
Es könnte einfach…
anders werden.
Oder vielleicht treffender:
Es könnte wieder das sein,
was es ohne diese Überlagerungen ohnehin immer war.
Vielleicht braucht das Menschsein eine Form von Ich.
Aber vielleicht braucht das Ich nicht mehr die Last,
jemand werden zu müssen.

Wenn nichts mehr verteidigt werden muss
Manchmal fühlte ich mich einfach nur müde vom Menschsein.
Vielleicht war mein Nervensystem über viele Jahre darauf eingestellt,
alles wahrzunehmen,
alles einzuordnen,
alles zu verstehen,
alles zusammenzuhalten-
im Versuch,
Felder zu stabilisieren.
Nicht aus Kontrolle.
Sondern aus Verbundenheit.
Das kostete Kraft.
Sehr viel Kraft.
Jetzt schien die Notwendigkeit,
etwas zu halten,
wegzufallen.
Der Alarm wurde leiser.
Wachsamkeit wurde nicht mehr gebraucht.
Nach der Rückbewegung der Spirale,
kam ein In-sich-Sinken.
Der Körper sinkt.
Das Ich sinkt.
Ich sinke.
Alles wird weicher.
Alles rutscht näher zusammen.
Und paradoxerweise entstand nicht Leichtigkeit,
sondern erst einmal Müdigkeit.
Vielleicht ist Müdigkeit kein Problem.
Vielleicht ist sie eine Form von Loslassen.
Weil etwas nicht mehr getragen werden muss.

Vielleicht beginnt Frieden genau hier
Menschen streben nach Frieden
aber sind es selbst nicht.
Genauso wie Menschen Menschen bekämpfen,
bekämpfen sie sich selbst.
Vielleicht greift die eigene Selbstablehnung etwas auf,
das längst in der Welt sichtbar geworden ist.
Krieg als kollektiver Spiegel des Getrenntseins,
in dem Frieden aus dem Ich „gemacht“ wird.
Ohne rosa Sofa,
wo ein stilles Nebeneinandersitzen möglich wird,
weil Gegenbewegung aufhört.
Sobald der Kampf nachlässt,
tritt nicht Leere ein.
Sondern Nähe.
Und diese Nähe wirkt nicht wie das Ende des Menschseins.
Sie wirkt eher wie eine menschlichere Weise,
Mensch zu sein.
Vielleicht entsteht Frieden nicht,
weil etwas überwunden wurde.
Sondern weil nichts mehr gegeneinander arbeitet.
Vielleicht beginnt Einheit nicht dort,
wo das Ich verschwindet.
Sondern dort,
wo es endlich nicht mehr bekämpft werden muss.

Als das Ich sich verabschiedete
Einige Tage später geschah etwas,
womit ich nicht gerechnet hatte.
Das Ich war noch einmal da.
Nicht, um etwas zu erklären.
Nicht, um verstanden zu werden.
Sondern um eine begonnene Bewegung
fortzuführen.
Wie die vertraute Begegnung eines Freundes,
auf die man sich freut,
weil sie willkommen ist.
Und dann entstand dieser Dialog.
„Was passiert gerade?“
„Es fällt die Besonderheit des Jemand
und damit der Anknüpfungspunkt des Ichs,
daraus eine Geschichte zu machen
und Gedanken zu bewegen.
Dann ist das Ich nicht mehr beschäftigt.
Dann kann ich meiner eigentlichen Aufgabe nachkommen.“
„Was tust du dann?“
„Ich bin im Sein.“
„Und was machst du im Sein?“
„Ich bin still.“
„Was bedeutet still?“
„Still sein bedeutet, zu ruhen und eins mit mir zu sein.“
„Heißt das, du verlässt dich nicht mehr?“
„Genau. Es gibt keine Veranlassung, aktiv zu werden.“
„Ist aktiv werden denn „schlecht“?“
„Nein, aber es verdeckt den Frieden in dir.“
„Inwiefern?“
„Bewegung sucht.
Eine Richtung.
Ein Ziel.
Eine Dynamik.
Sie zerstreut.
Es gibt Bewegung aus dem Tun und aus dem Sein.
Solange du etwas tun musst oder willst,
willst du irgendwo ankommen.
Erfolgt die Bewegung aus dem Sein,
fließt sie natürlich an den Ort,
der dran ist.
Es ergibt sich,
indem es fließt.
Natürlich
und ohne Plan.“
„Bist du noch da,
wenn du stillgeworden bist?
Kann ich dich erreichen?“
„Ja, aber brauchst du es dann noch?“
Es lächelt.
„Hm, vielleicht brauchte gerade etwas in mir Bestätigung.“
Ich lächle auch.
„So wird es sein.“
Es legt die Hand auf meine.
Drückt sie wie zum Abschied und steht auf.
„Ist alles gesagt?“
„Ja.“ Es scheint auf einen Punkt in der Ferne zu blicken.
„Ich danke dir,“ sagte es.
Ich schaue ein wenig verwundert-
und verstehe dann.
Es sagt:
„Das Ich ist nicht dein Feind.
Es muss nicht zerstört werden.
Das Ich ist ein Teil von dir,
der einfach leiser wird.
Nicht restlos verschwindet-
nur aus dem Geschehen tritt.“
Es nahm meine Hand.
„Danke,“ sagte ich zu ihm und es lächelte.
Und ich atmete hörbar aus und mir war,
als würde es mit dem Luftzug fortwehen.
Nicht fortwehen im Sinne von „weg sein“,
sondern von „aus einem Dienst entlassen sein“-
ohne Verpflichtung sein zu können.
Die Begegnung mit dem Ich berührte mich tief.
Sie schrieb nicht eine vertraute Bewegung fort,
sondern ließ aus einer leeren Neugier
eine neue Begegnung zu,
weil nichts mehr dazwischen stand.
Zusammenrutschen.
Berührung.
Wiedervereinigung
in einem Einssein,
das nicht hergestellt wurde,
sondern durch leise Annäherung
aus sich selbst heraus geschah.
Es beginnt mit:
„Als das Ich sich neben mich setzte“
und endet mit
„…irgendwann stand es wieder auf.“
Nicht, weil die Begegnung endet.
Sondern weil Begegnung keine Worte mehr braucht.

Begegnungen auf dem rosa Sofa– Teil 1
13.07.2026 – Als das Ich sich neben mich setzte
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