Fest der Masken oder die Angst vorm Echtsein

Im Rhythmus der Jahreskreisfeste eingebettet, erleben wir mit Karneval zeitgleich Brauchtum und kollektiven Ausnahmezustand. Vordergründig ein buntes Fest der Masken. Voller Lebendigkeit, Lautstärke, Selbstdarstellung. Die Erlaubnis, für einen Moment nicht man selbst sein zu müssen.

Und doch: sind wir im Alltag echt? Sind wir jemals echt?

Hinter Karneval verbirgt sich der Blick auf innere Masken. Ein kollektives Thema. Ein blinder Fleck. Geschickt kaschiert. Masken sind nicht nur Maskerade, sondern Spiegel menschlicher Schutzmechanismen.

Die Frage: Was geschieht, wenn Masken fallen- nicht nur nach Karneval, sondern im Leben? Was bleibt, wenn du dir erlaubst, echt zu sein?

Vielleicht ist Karneval weniger Flucht als Erinnerung.
An das, was wir im Alltag verbergen und an das, was sich zeigen möchte, wenn Schutz nicht länger nötig ist.

Karneval – ein kollektiver Ausnahmezustand

Bald ist es wieder soweit.

Am 12. Februar beginnt dieses Jahr der Karneval. Mit Weiberfasnacht.

Kultureller Ausnahmezustand.

Ich lebe in der Nähe zu Köln. Hier zählt Karneval zu den Brauchtumstagen. Der Donnerstag heißt Weiberfasnacht. Die Frauen übernehmen symbolisch das Sagen. Stürmen das Rathaus.

Kinder gehen kostümiert zur Schule. Nach der 4. Stunde ist für alle Schluss.

Geschäfte schließen früher. Die Straßen leeren sich. Menschen sammeln sich in bunten Kostümen im Zelt. Viele fahren mit den Bahnen in die Kölner Innenstadt. Stehen dichtgedrängt, lachend, mit Bierflasche in der Hand.

Rosenmontag.
Veilchendienstag.
Dann das Ende– Aschermittwoch.

Karneval- die Lizenz, endlich mal jemand anders sein zu dürfen. Im Alltäglichen öffnet sich ein Raum voller Rollen und Masken, voller Lachen und Lautstärke.

Die Maske als Erlaubnis – und als Schutz

Masken sind nicht nur Verkleidung, sie sind Schutzraum. Du bist nicht deine Maske- und doch trägst du sie. Als Versteck und Freiheit zugleich.

Mit Maske ist es leichter laut zu sein, wild und ungehemmt. Weil dich niemand wirklich sieht. Man sieht nur die Maske und mit ihr scheint alles möglich.

Du kannst Superman sein oder Pirat, Clown oder wildes Tier. Vielleicht das leben, was im Alltag keinen Platz hat. Denn dort geht es oft um Funktionieren, Anpassung und Performance.

Masken sind etwas zutiefst Menschliches. Nicht nur zu Karneval werden sie getragen– hier sind sie lediglich kulturell eingebettet und sichtbar gemacht.

Tiefer betrachtet kommen wir ohne Masken auf die Welt. Erst nach und nach entwickeln wir sie als Schutzräume.
Das Bedürfnis dahinter ist einfach: sich sicher fühlen.

So spiegelt Karneval ein kollektives Thema:
die Angst vor dem Echtsein– und damit die Angst vor Verletzlichkeit.

Authentizität – ein leiser Weg, kein Ideal

Authentizität ist kein Ziel. Sie ist ein Prozess.
Etwas, das sich entfaltet.

Wie ein langsames Herausschälen aus Schichten und Masken. Zu Karneval tragen wir eine Maske. Im Leben sind es viele.

Mein eigener Weg führte mich an diesen Punkt, weil ich tief in mir spürte: Jetzt ist es dran. Ich war bereit.
Ehrlichkeit lebte ich bereits. Authentizität war der nächste Schritt.

Ich ging los. Für mich.

Der Weg war nicht spektakulär. Er war anspruchsvoll.

Immer wieder stellte ich mir die Frage: Handle ich aus mir selbst heraus oder aus einer meiner Masken?

Es ging nie um Perfektion.
Es ging ums Weitergehen.
Schritt für Schritt.
Im Kontakt mit mir bleiben.
Sicherheit und Halt in mir finden und nicht im Außen.

Ich hatte keine Ahnung, wie es sein würde, ohne Maske zu leben. Es war ein Losgehen ohne Plan. Ohne Patentrezept.
Ein Erfahrungsraum öffnete sich.

Echtheit hat ihren Preis.
Sie berührt zwei sensible Punkte: Unsicherheit und den Verlust von Zugehörigkeit.

Masken abzulegen braucht Mut.
Sich einmal „ohne“ zu zeigen und Resonanz zuzulassen.

Unsicherheit begleitet diesen Prozess. Die Sorge vor Bewertung, Urteil, Kommentaren.
Das Gefühl, roh und verletzlich zu sein, ohne die gewohnte Schutzschicht.

Hinzu kommt der Verlust von Zugehörigkeit.
Klare Positionierung, Integrität und das Lösen alter Anpassungsmuster führen an Schwellen.
Nicht jeder geht mit.

Echtsein bekommt selten Applaus. Oft eher Gegenwind. Weil man plötzlich „seltsam“ wirkt, nicht mehr in alten Spurrillen läuft, ausspricht, was bewegt.

Authentische Kommunikation kann scharf werden. Klarheit, die das Umfeld nicht immer mittragen kann.

Echtsein trennt.
Radikal.
Resonanzen ordnen sich neu. Auf stimmigem Boden. Und genau darin liegt die Chance, sich in Verbindung und Beziehung tiefer denn je zu begegnen.

Authentizität

Die Angst vor dem Echtsein

Echtsein ist weniger die Angst vor Ablehnung. Es ist die Angst vor dem Ungeschützten.

Sicherheit ist ein essentielles Bedürfnis. Es bildet das Fundament. Mit der Geburt verlieren wir zum ersten Mal unseren geschützten Raum. Sind schutzlos. Eltern übernehmen diese Funktion- oder auch nicht.

Haut ist unsere einzige physiologische Schutzschicht. Masken erwecken den Anschein von Sicherheit- innerlich wie äußerlich. Ohne sie fühlen wir uns nackt, roh, verletzlich. Und damit angreifbar.

Masken werden zu unsichtbaren Rüstungen, die Weichheit verbergen.

Ist Echtsein ein Drahtseilakt – oder Befreiung?

Es gibt keine Anleitung. Kein Skript.
Nur ein vorsichtiges Vorwärtstasten in einem Raum ohne Geländer.

Achtsamkeit.
Kleine Schritte.
Mut, Fehler zu machen.
Und die tiefe Erkenntnis: Auch im Prozess bin ich liebenswert.

Wenn das Ich still wird

Masken schützen.
Doch wen eigentlich?

Wenn Masken fallen, wird sichtbar, was darunter liegt. Das innere Kind, das einst Schutz suchte.

Heute sind wir erwachsen. Wir können uns selbst diese Sicherheit geben.

Was geschieht, wenn nichts mehr dargestellt werden muss?
Wenn Echtheit in Verkörperung übergeht.
Wenn es keine Rolle, kein Narrativ und kein Ziel mehr braucht.

Dann wird der alte Mechanismus überflüssig. Er verliert seine Funktion. Seine Bedeutung.

Das Ich wird nicht bekämpft, sondern entlastet. Es wird plötzlich still.
Aus Identität wird Präsenz- nicht als neue Identifikation. Sondern als Raum, aus dem gelebt wird.

Präsenz ist keine neue Maske

Weniger reagieren, mehr sein.

Wenn der Darsteller die Bühne verlässt, gibt es keinen Applaus. Kein Statement. Kein Erklären. Kein Reagieren.

Präsenz ist weder spirituelle Identität, noch ein Rückzug aus der Welt. Vielmehr ist sie Verdichtung und Fokus. Ein stilles Dasein, während das Leben weitergeht.

Ohne inneren Aktionismus. Ohne Ziel. Ohne Druck.

Weiterlesen & vertiefen

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Nach dem Fest – wenn die Masken wieder gehen

Wie ist es nach Karneval? Was bleibt, wenn das Kostüm ausgezogen ist?

Der Moment des Abschminkens. Müdigkeit. Stille.

Im katholischen Rheinland folgt am Aschermittwoch die Messe und das Aschekreuz auf die Stirn. Ein Zeichen der Buße oder moralisches Schlusswort?

Mit der Rückkehr in den Alltag kehren oft auch die Alltagsmasken zurück. Die Frage bleibt: Was davon war echt? Was bleibt?

Vielleicht ein weiteres Fest der Masken.
Vielleicht ein inneres Lauschen.
Vielleicht ein leises Aufbrechen.

Hi, ich bin Saskia.

Ich schreibe über Bewusstsein, Zeitqualität und Integration.
Über das, was sich zeigt, wenn wir stiller werden und aufhören, uns selbst zu erklären.

Meine Arbeit bewegt sich zwischen Präsenz, Tiefe und Verkörperung.
Nicht als Methode, sondern als Raum.

Saskia Dauvermann

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